Die Welt ist ein Gespräch

Ein philosophischer Text ist selbst die implizite Definition der Wörter, die ihn aufbauen. Hier trifft das insbesondere auf die Definition von Sprache zu: Man muss sie dem philosophischen Text, in dem von Sprache die Rede ist, entnehmen.
Es gibt zahllose verschiedene Sprachen. Eine erste Einteilung ist die in Sprachen des Daseins und Sprachen der Natur (Physis). Die Sprachen des Daseins sind emergente Sprachen einer ihnen zugrundeliegenden mythischen (göttlichen) Sprache oder Sprache der Natur (Physis).
Das Dasein weiß von den Sprachen der Physis nur durch Sprachen des Daseins. Die Sprachen der Physis sind für das Dasein als Theorien der Natur. Sie sind zwar nicht aus der Beobachtung (Erfahrung) gewonnen, aber auf sie angewiesen. Sie müssen sich in der Anwendung auf die Erfahrung nach verschiedenen Hinsichten bewähren, und sie sollen falsifizierbar sein.

Auch ein Text der Sprache der Natur ist eine implizite Definition der in ihm verwendeten Wörter. Man kann das daran sehen, wie die physikalischen Begriffe erst im Lauf von Jahrhunderten oder Jahrtausenden allmählich herausgearbeitet werden konnten. Aristoteles' Begriff der Kraft ist ein ganz anderer als der von Galilei oder Newton, und der Begriff der lebendigen Kraft, aus dem schließlich der Energiebegriff hervorging, ist wiederum ein anderer. Im 18. Jahrhundert haben die Physiker, Naturphilosophen und Philosophen heftig um seine Definition gestritten.

Die Schwierigkeiten bei der Bestimmung solcher Begriffe kommen nicht zuletzt daher, dass man in einer natürlichen Sprache keine Definitionen oder Vereinbarungen darüber, was unter den einzelnen Wörtern zu verstehen sei, vorfindet. Eine analoge Situation findet sich in den Künsten. Mit Recht weigern sich viele Künstler, zu sagen, was sie mit ihrem Werk gemeint haben. Die Sprache ihrer Kunst ist die implizite Definition der Wörter, in denen sie sich ausspricht. Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen anderer Sprachen des Daseins, etwa des Mythos.
Vielleicht macht die Mathematik in diesem Punkt eine merkwürdige Ausnahme (in ihrem axiomatischen Aufbau geht der Darstellung ihrer selbst eine Reihe von Definitionen der zu verwendenden Begriffe voraus) ‒ vielleicht aber doch nur scheinbar eine Ausnahme, denn schöpferische Mathematiker sind immer schon auch ohne exakte, explizite Definitionen zu richtigen Sätzen gekommen, z. T. sogar mit mangelhaften Definitionen (z. B. Cantor mit einem naiven Mengenbegriff).

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