Weizsäcker sagte von der Quantentheorie, sie sei eine Theorie für alles, eine Theorie auch des Geistes. Diese Aussage wird man schärfer fassen können: Die Quantentheorie ist in erster Linie eine Theorie des Geistes, und nur bei ihrem ersten Auftreten ist sie als eine Theorie im Rahmen der Physik erschienen, und hier ‒ zunächst? ‒ als eine Theorie des extrem Kleinen, des Submikroskopischen.
Anwendbarkeit der Quantentheorie auf makroskopische Systeme. Es stellt sich immer wieder die Frage, inwieweit die Quantentheorie auch eine Theorie makroskopischer Objekte oder Systeme sein kann. Dass sie im Submikroskopischen unverzichtbar ist, scheint klar zu sein. Was bedeutet dann aber eine Bemerkung wie die von Weizsäcker, dass sie eine Theorie für alles sei?
Nach den Ausführungen von Harald Atmanspacher (Die Vernunft der Metis, Stuttgart / Weimar 1993) kann man das etwa so verstehen: Die Quantentheorie ist überall da notwendig, wo es um die Beobachtung von, oder, allgemeiner gesagt, um Kommunikation zwischen nicht-separierbaren Systemen geht. D. h., wo z. B. der Vorgang der Messung oder das Subjekt der Kommunikation das Verhalten des Gemessenen oder des Objekts beeinflussen. Nicht-Separierbarkeit der Systeme, so lautet die griffige Formel, die Atmanspacher dafür benutzt.
Kürzlich wurde vermutet, dass die wohl eindeutig festgestellten ozeanischen Monsterwellen, die nach den Wellengleichungen der klassischen Physik gar nicht existieren dürften, einer speziellen Lösung der Schrödinger-Gleichung entsprechen. Sogleich kam aber von Seiten der Quantenphysiker Widerspruch dagegen auf, und nicht wenige bedeutende Physiker sind der Meinung, dass die Quantentheorie im Makroskopischen nichts verloren habe.
Nun gibt es allerdings einen makroskopischen Bereich, in dem nicht-separierbare Systeme miteinander kommunizieren (wechselwirken). Das ist der Dialog, das Gespräch von Menschen mit Menschen. Was da gesprochen wird, verändert diejenigen, die miteinander sprechen. Und damit ist das Kriterium der Nicht-Separierbarkeit erfüllt. Insofern könnte man zumindest analogerweise quantentheoretische Überlegungen bei der Betrachtung menschlicher Dialoge, menschlicher Gesprächsverläufe ins Spiel bringen. Insoweit wäre die Quantentheorie dann doch eine Theorie, die auf verschiedene Weisen alles betrifft, insofern nämlich human-kommunikative Vorgänge die Basis alles Wissens überhaupt sind.
Wir finden wesentlich gemäß den Formen der Quantentheorie statt.
Sieht man die Feldtheorien als zur Quantentheorie komplementäre Interpretationen an, dann waren die bisherigen, philosophischen Theorien des Geistes, als essentialistische Theorien der Sprache betrachtet, Analoga zu den physikalischen Feldtheorien. Mit Kierkegaard, mit dem Existenzbegriff tritt das Quantenartige im Bereich der Theorie des Geistes auf. Der Existenzialismus ist im Prinzip eine Quantentheorie des Geistes. Damit treten die Begriffe der Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit, offenen Zukunft in den Vordergrund, Vorhersagen werden zunehmend unsicher, die Vorstellung der prinzipiellen Berechenbarkeit der Welt- und Menschheitsentwicklung wird unglaubwürdig. Auch Gott kann nicht mehr als allwissend und ebenso wenig als allmächtig gedacht werden.
Die Theorie der Sprache könnte nun als die eigentliche Quantentheorie betrachtet werden. Sie umgreift einheitlich die physikalische Welt und den Geist.
Die cartesische Spaltung zwischen Subjekt und Objekt ist nur zwischen makrophysischen Systemen möglich und sinnvoll. In quantentheoretischer Betrachtung wird sie (z. T. wenigstens) vermieden. Deshalb kann Atmanspacher die Quantentheorie auch als eine holistische Weltbetrachtung bezeichnen. In ihr findet die Auftrennung zwischen betrachtetem und betrachtendem System nur partiell statt. Noch weitergehend holistisch sind z. B. empathische Gefühlsverschmelzungen. In der Phase ihrer Aktualität eine Trennung überwunden. Es handelt sich hierbei um holistische Erfahrungen, die in einer anderen als der physikalischen Sprache gemacht werden.
Descartes’ Spaltung zwischen Subjekt und Objekt hat einerseits ihre volle Berechtigung. Zur Bewältigung des Alltags ist sie unentbehrlich. Andererseits wird diese Trennung in einer Philosophie der Sprache, soweit dies einem endlichen Bewusstsein überhaupt möglich ist, auch theoretisch überwunden.