Die Fülle der Sprachen ist der Inhalt des philosophischen Gottesbegriffs. Ich könnte sagen, es ist das, was alle früheren Gottesbegriffe gemeint haben.
Hier scheint ein Problem zu liegen: Das Göttliche, Götter, ein Gott wurden immer als ein Maximum, als ein Extremum verstanden. Aber ein vollkommenes (allwissendes, allmächtiges, allgütiges) Wesen scheint doch im Widerspruch zu stehen zu den Sprachen, die alle ‒ jede für sich ‒ nicht vollkommen sind. Wie kann die Fülle nicht-vollkommener Sprachen etwas Vollkommenes sein? Hier muss man wohl unterscheiden zwischen den Sprachen und unserem Wissen von ihnen. Unser Wissen bewegt sich immer und überall in den engen Grenzen unserer Endlichkeit. Von der Fülle der Sprachen haben wir eine lächerlich geringe Vorstellung. Das Pleroma der Sprachen ist und bleibt für uns ein Anderes, von dem allenfalls die Mythen zu uns in ihrer Sprache sprechen. Die Sprache der Philosophie steht hier an einer für sie unüberschreitbaren Grenze.
Noch einmal zum Anfang zurück. Der christliche Gott vereint beides, den extremalen Gott und den Menschen, Vater und Sohn, und der Sohn ist Mensch. Gott ist Mensch geworden. Das heißt aber auch, dass das Göttliche vom Menschlichen her verstanden werden kann. Und auch hier zeigt sich dieser scheinbare Zwiespalt von Wissen und Sprechen einer Sprache. Das wäre hier festzuhalten.
Ein gegenwärtiger Gottesbegriff muss von einem erweiterten Sprachbegriff ausgehen.
Die Geschichte und zum Teil auch die Gegenwart wesentlicher Humansprachen bleiben ohne eine angemessene Interpretation des Gottesbegriffs ganz unverständlich. Das allein wäre Grund genug, eine solche zu versuchen. Aber auch der vorliegende Versuch fordert schon aus sich heraus einen Begriff, der die Endlichkeit des Daseins transzendiert. Gott ist Sprache. Dem, was Gott genannt wurde und wird, komme ich am nächsten, wenn ich es jetzt Sprache nenne.
Was geht von den traditionellen, christlichen Gottesvorstellungen in den gedachten Gottesbegriff ein?
Allmacht? Nein, wenn man an den Totalitätsanspruch denkt, der in dem Wort All- liegt. Im Pleroma der Sprachen gibt es keine Instanz, die über dieses herrschen könnte. Die Fülle der Sprachen lässt aus sich heraus unvorhersehbar stets neue Sprachen entstehen (Emergenz), die niemandem, auch keinem Gott untertan sind. Ja, insoweit es diejenigen Monaden betrifft, für die die Fülle der Sprachen die höchste Macht schlechthin bedeutet. Die Monade Dasein aber hat dieser Macht ihre (begrenzte) Freiheit entgegenzusetzen.
Und, mit Allmacht zusammenhängend, Allwissenheit? Nein, das Phänomen Emergenz hat definitiv zufällige, freie Züge, die durch kein Vorwissen übersprungen werden können. Zudem widersprechen die Sprachen in ihrer Fülle einander auf vielfältigste Weise. Der philosophische Gottesbegriff ist also in gewisser Weise in sich unaufhebbar widersprüchlich, sein Wesen ist auch Streit.
Weitere Frage: Kann ein solcher Begriff dem Einheitsstreben (telos) des Daseins entsprechen? Ja und Nein. Ja, insofern er die äußerste Einheit bezeichnet, zu der eine gedachte Sprache gelangen kann. Nein, insofern dem Dasein die mythische Sprache nur in geglückten Momenten offen steht. Man kann darin einen Hinweis sehen, dass der philosophische Gottesbegriff (als gedachter) aus sich selbst zu einem philosophisch-theologischen (gedacht-mythischen) drängt: Dieser würde die Hoffnung auf Frieden (als Aufhebung des Streites) und ebenso das unbedingte Kommunikationsgebot stützen (rechtfertigen können), die das Zentrum eines philosophischen Glaubens bilden (vgl. Jaspers).
Personalität? In gewisser Weise ja, wenn nämlich diese Vorstellung bedeutet, dass das Dasein in ein Gespräch mit Gott eintreten kann. Nein, wenn man sich unter der Personalität Gottes eine gleichsam ins Unendliche gesteigerte menschliche Person vorstellen soll.
Allgütigkeit? Ja, in der mythisch zu denkenden Zukunft der Hoffnung des philosophischen Glaubens oder des Gesangs, der wir bald sind (Hölderlin).
Persönlicher Gott. Wenn man heute von einem persönlichen Gott spricht, egal, welche Stellung man dazu einnimmt, dann spricht man stets in irgendeiner Weise über ein Wort einer mythischen Sprache. Und eigentlich immer in unangemessener Weise. Das erste, was nötig ist, ist eine Neufassung des Gottesbegriffs. Dann muss man sich fragen, ob dieser neue Gottesbegriff auf analoge Weise anschlussfähig ist an den Begriff des mythischen persönlichen Gottes. Ich halte dies nicht für ausgeschlossen. Zumindest kann man folgendes sagen: Das ganze Universum in seinem Dasein, Sosein, in seiner Entwicklung hat es nicht ausgeschlossen, dass es eine Person wie mich gibt. (Mich bzw. ich hier natürlich als philosophisches Ich zu verstehen, analog zum lyrischen Ich; mit mir als KB hat das nichts zu tun.) Das Universum hat das zugelassen, es hat meiner Existenz, meinem Sosein nicht widersprochen. Im Gegenteil, alles, was ich bin, bin ich durch Kommunikation mit dem Universum. Also in gewisser Weise meint das Universum mich. Das ist ein schwacher persönlicher Gottesbegriff, aber immerhin, das Universum meint mich, und so meint es jedes Ich. Meint, der Kern ist Minne, Liebe, dies alles ist nicht so weit von einem liebenden Gott entfernt. Darüber hinaus lässt sich ein solcher Gottesbegriff an die Gedanken der negativen Theologie anschließen. Da ist kein persönliches Bewusstsein, das mit mir spricht, aber doch eine Macht, eine Möglichkeit, eine Mächtigkeit, die mir nicht widerspricht, und die doch vollkommene Gewalt über mich hat. Irgendwie in diesen Dimensionen wird man dem Gedanken eines persönlichen Gottes nachzuspüren haben.
Faulheit. Hier ist eine metaphysische Faulheit gemeint. Im Anschluss an Sloterdijk (Du musst dein Leben ändern) kann man etwa folgendes sagen: Die Übungssysteme, die Askesen, die Übungsroutinen aller Art sind die Voraussetzung dafür, dass einer es zu etwas bringt, egal auf welchem Gebiet. Alle diese Übungsroutinen bewegen sich auf einer Vertikalen. Sie sind Verkleidungen, Maskeraden der mythischen Jakobsleiter, des Aufstiegs von der Erde zum Himmel, auf der sich die Boten, Engel (angeloi, auch Hermes ist so ein Bote) bewegen.
In diesem Zusammenhang fällt auf, dass in meiner philosophischen Konstruktion der obere Bereich entfallen ist. Der trotzdem postulierte Gottesbegriff breitet sich quasi in der Ebene aus, in der Horizontalen. Das Höhere ist eigentlich nicht existent.
Lässt sich da überhaupt noch von einem Gottesbegriff reden? Sicherlich ist es ein anderer als derjenige, der zu unendlichen Exerzitien den Anlass gab. Im Gegenteil, ihm entsprechend verhält man sich durch Faulheit, durch Abwarten (mehr als Zaudern, eher durch Nichtstun). Das hindert natürlich nicht, dass man sich dabei im Alltäglichen, wenigstens zuzeiten, auch schon mal recht geschäftig verhält. Im Kern aber bleibt doch immer die metaphysische Faulheit bestehen. An ein Leben mit einem solchen Gottesbegriff wird man sich gewöhnen müssen. Gegenwärtig wird er als solcher von kaum jemandem Anerkennung finden oder überhaupt nur bemerkt werden.
Das Streben (appetitus) und die Anstrengung (nisus) des Philosophierenden (der philosophischen Sprache) zielen auf die geräumigste einheitgebende Form, den gedachten Gottesbegriff. Dieser Begriff ist das telos der (sprechenden, auch der singenden) Monade.
Der gedachte Gottesbegriff, die introszendent erreichbare geräumigste formale Einheit, ist zugleich die (man könnte sagen: transzendentale) Form der transzendenten Erfahrung (vgl. Einstein: Es scheint, als müsse der menschliche Geist zuerst unabhängig Formen konstruieren, bevor wir diese in den Dingen finden).
In der Form des gedachten Gottesbegriffs verschmelzen Transzendenz und Introszendenz miteinander.
Gott ‒ ein Gott der Negativität. Aber er widerspricht nicht definitiv und in jeder Hinsicht meiner Existenz. Ich bin zugelassen. Tillich hätte hier wohl sagen können ich bin angenommen, obwohl ich unannehmbar bin.
Die Frage bleibt: Inwiefern kann ich von diesem Gott als einem Er, also in der dritten Person sprechen, da er doch zu mir in der zweiten Person spricht? Nun, einen Teil seiner Macht überlässt er einigen seiner Geschöpfe, damit werden diese in wesentlicher Weise frei gegenüber ihrem Grund, der eben dadurch und genau in dieser Beziehung zu einem Un-grund (vgl. Böhme, Schelling) wird. Dieser Gott hat doch auch Macht über die emergenten Wesen, die seinen Möglichkeiten entwachsen sind, aber zugleich lässt er sie als freie Individuen gewähren. In einer älteren, noch stärker mythischen Sprache hat man hier von so etwas wie Personalität sprechen können. ‒ Hinter diesen noch ganz unzureichenden Vermutungen verbirgt sich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, das zugleich eines der Gottwerdung des Menschen ist (vgl. Angelus Silesius, auch Berdiajef, Koechlin).
Philosophischer Gottesbegriff. Man wird einen philosophischen Gottesbegriff der dritten Person von dem der ersten Person unterscheiden müssen. Der philosophische Gottesbegriff der dritten Person ist der des Pleromas der Sprachen, den ich bisher beschrieben habe. Es gibt auch einen, der aus der Ersten-Person-Perspektive spricht. Dazu zwei Vorbemerkungen: 1. Die schöpferische Potenz Gottes bleibt bei der versuchten Neuformulierung des Gottesbegriffes erhalten. Sie ist in der Fülle der Sprachen bewahrt. 2. Der Physiker Hans Peter Dürr behauptet den Fortgang des Schöpfungsprozesses von Anbeginn bis in die Gegenwart und in die Zukunft hinein. Als Physiker sieht er diesen Prozess in in der beständigen Erschaffung neuer Elementarteilchen aus dem Nichts, „Fluktuationen des Nichts“. Solche Fluktuationen sind die Matrix der Materie. Die mathematische Form, die diese Teilchen in der ersten Schöpfung erhalten haben, behalten sie ein für allemal. Sie sind Information, Sprache. Von hier muss man weitergehen zu den emergenten Sprachen, den Sprachen des Lebendigen, schließlich des Geistes, des Daseins. Dem Lebendigen wächst der größte Teil seiner Sprachstruktur durch die Geburt zu, aber im Lauf seines Lebens, wenn es denn glückt, lernt es. Als Daseiendes kann es dahin gelangen, eine individuelle Sprache auszubilden und eigens sichtbar zu machen. Bei aller Vorprägung durch Veranlagung usw. ist die Ausbildung solcher Sprachen doch eine Leistung des jeweiligen Individuums. Damit nehmen Individuen teil an der schöpferischen Natur Gottes, erfahren aus der Ersten-Person-Perspektive. Das ist der zweite, tiefere Gottesbegriff. Dem entspricht die Teilhabe des indischen Athman am Brahman, dem Göttlichen selbst, das über Göttern und Menschen ist. Dieser zweite Gottesbegriff ist derjenige, den man den quantentheoretischen Gottesbegriff nennen könnte. Er setzt den „gequantelten Geist“ voraus. Er ist derjenige, von dem Angelus Silesius sagen kann, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben. „Physikalisch“ gesagt, ist es ein mikroskopischer Gottesbegriff (gegenüber dem makroskopischen als der Fülle der Sprachen).
Bei Heinrich Eduard Koechlin, Philosophie des freien Geistes, Hinweise auf Berdiajef und seinen Gottesbegriff. ‒ Schleiermacher spricht von der schlechthinigen Abhängigkeit des Menschen von Gott; im Gegensatz dazu Berdiajef von der Freiheit, die das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, Gott und Mensch wesentlich bestimme. Der Mensch ist frei gerade Gott gegenüber. Vielleicht kann man es, ausgehend von dem Entwurf, für den die Sprache die eigentliche Wirklichkeit ist, so verstehen: Der als Fülle der Sprache erklärte Gott verhält den Menschen zwiefach zu sich, in vollkommener Abhängigkeit wie auch in vollkommener Freiheit. Die natürlichen Sprachen sind Regionen der Abhängigkeit, die Humansprachen solche der Freiheit. Der Mensch ist dann beides, durch und durch abhängig und zugleich vollkommen frei. Das ist eine Paradoxie, nahe der neutestamentlichen Rede vom gekreuzigten Gott. Für das Denken sind die ersten Gründe stets Ungründe, paradox, widersprüchlich in sich, Sein und Nichts in gegenseitiger Verschlingung.
Fülle (Pleroma) und Einheit der Sprachen sind die Wirklichkeit, die in allem über alles entscheidet. Diese Wirklichkeit ist das philosophische Analogon zum mythischen (monotheistischen) Gott. Die Form Sprache bleibt für die Sprache der Philosophie unberührbar. Versucht sie, diese Grenze zu überschreiten, ergreift sie einen Götzen (ein Idol).
Zum Begriff des persönlichen Gottes. Ich denke (Mein Ich denkt) Gott, und zugleich bin ich (ist Ich) ein Geschöpf der Fülle der Sprachen (die Gott ist).
Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd ich zu nicht, er muss von Not den Geist aufgeben.
Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann
Man kann auch sagen, dass der erste Gottesbegriff, das Pleroma der Sprachen, ein aus der Subjekt-Objekt-Spaltung formulierter Gottesbegriff ist. Der zweite ist aus der Ersten-Person-Perspektive, der mystischen Perspektive, gesprochen.