Die Welt ist ein Gespräch

Vom Paradies reden, da möchte man anknüpfen an Schon-darüber-Gesagtes, an einen bedeutenden Text, in dem das Wort Paradies oder ein gleichwertiges an herausragender Stelle vorkommt. Für uns Mitteleuropäer heute, so sehe ich das, findet sich der wichtigste Text dieser Art im Alten Testament, 1. Mose 2, 8+9. Hier ist vom Paradies unter dem Namen Garten Eden die Rede.
Paradies: in die deutsche Sprache kam dieses Wort aus dem Griechischen, dort parádeisos. Ins Griechische hatte es der vielseitige Historiker, Philosoph und Reisende Xenophon als Übersetzung von Persisch pardez gebracht, ein Wort, das er im Bereich des heutigen Syrien oder Irak als Bezeichnung für einen umzäunten oder ummauerten Garten kennengelernt hatte.
Garten Eden: hebr. eden bedeutet lieblich, ein lieblicher Ort also. Eine Schranke schützt ihn einerseits gegen schädliche Einflüsse von außen, andererseits hindert sie etwaige Bewohner an ihrer Bewegungsfreiheit. „Schöpfer“ dieses Gartens ist nach der genannten Textstelle in der Bibel Gott. Weiterhin heißt es, Gott setzte ein Menschenpaar in diesen Garten, und zwei Bäume darin werden hervorgehoben, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Schließlich wird die Geschichte vom Sündenfall des ersten Menschenpaares, der als Ungehorsam gegen ein Gebot Gottes dargestellt wird, und von der darauf folgenden Vertreibung des Menschen aus dem Paradies erzählt.
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In diesem Umfeld also nehmen wir die Rede vom Paradies auf. Aber gerade dieses Umfeld bereitet vielen von uns heute Schwierigkeiten. Wir haben keinen, so wird man diese Schwierigkeiten konkretisieren können, wir haben keinen allgemein akzeptierten Gottesbegriff, keinen Gottesgedanken, und mit dem Sündenfall (und, daraus folgend, mit der Erbsünde) steht es für viele von uns entsprechend. Also, wie soll man vom Paradies und was dazugehört reden?

Hier müssen wir kurz innehalten. Was wir vortragen, haben wir als einen Versuch, auf philosophische Weise über ein bestimmtes Thema zu sprechen, eingeführt. Was soll das heißen, auf philosophische Weise, heute, nachdem seit langem schon und immer wieder vom Ende der Metaphysik zu hören ist, der Metaphysik, die doch als das Kernstück der Philosophie galt und mithin für so etwas wie philosophisch reden bestimmend sein sollte?
Wir sehen uns, wo doch das Paradies unser Thema ist, plötzlich mit der Frage nach der Besonderheit philosophischer Rede konfrontiert, wahrhaftig ein weites, ein grenzenloses Feld. Können wir zurückfinden auf einen einigermaßen gangbaren Weg?
Wir müssen uns dazu hier erklären, wie fragmentarisch auch immer. Die Erklärung soll durch einige Thesen (Th) gegeben werden:
These 1: Die philosophische Rede ist in hohem Grade individuell. Diese Eigenschaft teilt sie mit anderen Sprachen, insbesondere den Sprachen der Kunst (z. B. Dichtung, Malerei, Musik).
These 2: Die philosophische Rede interpretiert ihren Gegenstand im mehr oder weniger ausdrücklichen Rückgriff auf einen Interpretationshorizont, der selbst wiederum sprachlicher Natur ist.
These 3: Der Interpretationshorizont ist grundsätzlich umgangssprachlich formulierbar. Sprachgeschichtlich betrachtet, ist er, vielfältig variiert, als Mythos ins Bewusstsein der Menschen eingegangen. Die philosophische Sprache ist ein Abkömmling der mythischen Sprache. Mythos und Philosophie reden von demselben, aber auf abgründig verschiedene Weise. Sie stehen zueinander im Verhältnis der Analogie.
These 4: Philosophie ist bisher eine Philosophie des Seins gewesen, wie auch immer dieses Sein gedeutet wurde. Ich meine, für uns herrscht der Eindruck vor, dass die Sprache im Begriff ist, Sein abzulösen.
Versuchen wir nun, auf der schmalen Basis dieser Thesen philosophisch etwas über das uns mythisch begegnende Paradies zu sagen.

Was ist das Paradies?
Wir haben gehört: ein umzäunter Garten. Was ist ein Garten? Das heißt jetzt: Was ist das philosophisch-sprachliche Analogon des Paradiesesgartens? Das kann nur ein begrenzter Bereich aus der Fülle (Pleroma) der Sprachen sein, mit anderen Worten, die Welt, in der wir leben sollten.
Wittgenstein sagte die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Die Grenze, da ist er wieder, der Zaun, von dem auch das „Paradies“ spricht.
Und Gott? – Gott bedeutet uns jetzt, in philosophischer Sprache, das Pleroma der Sprachen.
Eine Bemerkung zur Verdeutlichung dessen, was hier mit dem Wort Sprache neben den oben bereits genannten Sprachen auch noch gemeint ist: keineswegs nur so etwas wie Deutsch, Englisch, Sanskrit usw., auch Fachsprachen gehören dazu (Jura, Medizin, Theologie, …), und ebenso, was im Bereich des Organischen Informationsübertragung genannt und durch Botenstoffe erklärt wird, schließlich auch die Wechselwirkungen der Physik, seien sie als durch Botenteilchen oder durch Feldkräfte vermittelt vorgestellt.
Nun sagt uns der Paradies-Mythos, wir wurden aus dem Paradies vertrieben, weil das erste Menschenpaar ein göttliches Gebot übertrat: das Gebot, keine Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen.

Gut und Böse sind Absoluta, erkennbar nur einem Wesen, dem das Ganze der Sprachen offen steht, d. h. nur Gott. Dem Menschen, als einem nach jeder Richtung endlichen Wesen, ist solche Erkenntnis nicht erreichbar. Mit einer vermeintlichen Erkenntnis von Gut und Böse übernimmt sich der Mensch. Die Vertreibung aus dem Paradies liegt schon in dem Unternehmen, eine Erkenntnis aufgrund der vermeintlichen Gegenwart des Ganzen zu formulieren. Dieses Unternehmen ist selbst schon das Vertriebensein.
Worauf läuft das hinaus? Auf die Empfehlung eines einfachen Lebens aus einem schlichten Glauben an die zehn Gebote? Nicht unbedingt, Komplexität steht uns immer offen. Aber das Leben muss aus der Tiefe existieren, es wird verfehlt, wenn es nur in die Breite geht.
Was bedeutet hier Tiefe? Im Universum der Sprachen liegen nicht alle in der gleichen Ebene, das wurde oben in Th 3 mit Bezug auf die philosophische und die mythische Sprache schon kurz angedeutet. Wiederum thesenartig möchte ich hier darauf hinweisen, dass manches dafür spricht, in einer Art mythischer Sprache so etwas wie die Ursprache, die Sprache der Tiefe, zu sehen (vgl. Berdjajev, Panikkar, Canetti z. B.) In einer Art mythischer Sprache, das ist mit Bedacht so formuliert. Es will zum Ausdruck bringen: Keine Instanz kann uns sagen, wie die mythische Sprache, die uns trägt, gebaut ist. Indem wir sprechen, uns verhalten, kurz: leben, machen wir unsere Erfahrung über diese Sprache. So findet jeder für sich selbst den Mythos, aus dem er lebt.
Aristoteles sagte, die Philosophie gehöre in gewisser Weise zur Natur des Menschen. Entsprechend könnte man jetzt sagen, der Mythos gehöre in gewisser Weise zur Natur des Menschen. Es ist wohl dasselbe, was gelegentlich quasi objektiviert wahrgenommen wurde, von Sokrates als daimon, in neuerer Zeit als Gewissen.

Wo liegt der Ort des Paradieses?
Es bleibt dabei, das Paradies ist eine U-topie, ein Nicht-Ort, und das nicht nur im Räumlichen, auch im Zeitlichen. Die Erfahrung des Paradieses, die dem Menschen möglich ist (d. h. die Übereinstimmung, der Einklang seines faktischen Daseins mit wesentlichen, weltbildenden Sprachen), ist, gemessen an der Fülle der Sprachen, eine fast nichtige Erfahrung. Zeitlich gesehen, ist sie der erfüllte Augenblick (Joyce nannte ihn Epiphanie). Der erfüllte Augenblick hat die Kraft, das Räumliche, in dem er sich ereignet, zu färben, so dass es unvergesslich wird. So ist es dem Menschen möglich, an Ewigkeit zu rühren, Ewigkeit zu berühren. (Hier kommt das Berühren ins Spiel, Heraklit kennt es, und Denker und Mystiker haben immer wieder davon gesprochen; ein wesentliches, vielleicht ein mythisches Wort.)

Foto: Wandmalerei in einem Hausflur in Sion / Wallis

Der Ort des Paradieses?